
«Wir benötigen rund EUR 20 Mio. pro Jahr.»
Eine solche Aussage ist in vielen Unternehmen der Ausgangspunkt für die Beurteilung des Währungsrisikos. Für eine fundierte Entscheidung reicht sie jedoch nicht aus.
Das Jahresvolumen sagt noch nichts darüber aus, wann die Zahlungen anfallen, welche Fremdwährungszuflüsse dagegenstehen oder wie zuverlässig die Beträge geplant werden können.
Um ein Währungsrisiko sinnvoll beurteilen zu können, sind deshalb zwei Schritte notwendig:
Erst danach wird aus einem abstrakten Fremdwährungsvolumen eine finanzielle Risikogrösse.
Das Währungs-Exposure bezeichnet den Betrag, der tatsächlich Wechselkursschwankungen ausgesetzt ist.
Bei einem Schweizer Importeur können beispielsweise Zahlungen an Lieferanten in Euro anfallen. Gleichzeitig erzielt das Unternehmen möglicherweise einen Teil seiner Einnahmen ebenfalls in Euro.
Für die Beurteilung des Risikos sollten deshalb nicht nur die Fremdwährungsausgaben betrachtet werden. Fremdwährungszuflüsse werden den entsprechenden Abflüssen gegenübergestellt. Die Differenz ergibt das Netto-Exposure.
Ein Unternehmen mit jährlichen EUR-Ausgaben von EUR 22 Mio. und EUR-Einnahmen von EUR 2 Mio. verfügt vereinfacht betrachtet über ein Netto-Exposure von EUR 20 Mio.
Neben dem Betrag ist entscheidend, wann die Zahlungen anfallen. Ein jährliches Netto-Exposure von EUR 20 Mio. kann sich gleichmässig über zwölf Monate verteilen oder innerhalb weniger Monate konzentrieren. Für die Steuerung des Währungsrisikos macht das einen erheblichen Unterschied.
Deshalb werden die erwarteten Zahlungsströme nach Zeithorizont aufgeteilt. Ein vereinfachtes Beispiel:
Damit wird sichtbar, welcher Betrag in welchem Zeitraum dem Wechselkursrisiko ausgesetzt ist und wie zuverlässig dieser Betrag geplant werden kann.
Nicht jedes erwartete Exposure hat dieselbe Qualität. Eine bereits bestätigte Bestellung oder eine vertragliche Verpflichtung lässt sich zuverlässiger planen als eine Budgetannahme für das vierte Quartal.
Eine einfache Einteilung ist:
Für das Beispiel lässt sich damit festhalten: In den nächsten sechs Monaten besteht ein relativ sicheres Netto-Exposure von EUR 10 Mio. Danach werden weitere EUR 10 Mio. erwartet, deren Höhe und Zeitpunkt weniger gut planbar sind.
Wenn einem Fremdwährungsabfluss ein Zufluss in derselben Währung gegenübersteht, reduziert sich das offene Währungsrisiko. Dieser natürliche Ausgleich wird als Natural Hedging bezeichnet.
Ein Unternehmen, das EUR 22 Mio. an Lieferanten bezahlt und gleichzeitig EUR 2 Mio. Umsatz in Euro erzielt, muss wirtschaftlich nicht das gesamte Bruttovolumen betrachten. Entscheidend ist zunächst das Netto-Exposure von EUR 20 Mio.
Natural Hedging sollte deshalb berücksichtigt werden, bevor über finanzielle Absicherungsinstrumente oder Absicherungsquoten gesprochen wird.
Ein Netto-Exposure von EUR 20 Mio. ist präziser als ein Bruttovolumen von EUR 22 Mio. Für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat bleibt die Zahl trotzdem abstrakt.
Entscheidend ist: Was bedeutet eine Wechselkursbewegung für unser Ergebnis?
Diese Frage beantwortet die Sensitivitätsanalyse. Sie zeigt, wie stark sich definierte Veränderungen eines Wechselkurses auf eine relevante finanzielle Kennzahl auswirken. Bei einem Schweizer Importeur bietet sich beispielsweise der EBIT als Bezugsgrösse an.
Nehmen wir ein Netto-EUR-Exposure von EUR 20 Mio. Verändert sich EUR/CHF um einen Rappen, verändert sich der Gegenwert des Exposures vereinfacht um:
EUR 20 Mio. × CHF 0.01 = CHF 200'000
Eine Bewegung um drei Rappen entspricht damit CHF 600'000. Bei fünf Rappen beträgt die Wirkung CHF 1 Mio.
Damit wird sichtbar, wie stark das Ergebnis auf Wechselkursbewegungen reagiert.
Zwei Unternehmen können dasselbe Fremdwährungs-Exposure haben und trotzdem ein völlig unterschiedliches Währungsrisiko tragen.
Ein Unternehmen mit hoher Marge, grosser Liquiditätsreserve und flexiblen Verkaufspreisen kann eine Belastung von CHF 1 Mio. möglicherweise gut verkraften. Für ein Unternehmen mit einem budgetierten EBIT von CHF 2 Mio. hätte dieselbe Belastung eine andere Bedeutung.
Im Beispiel würde eine ungünstige Kursbewegung um fünf Rappen den budgetierten EBIT um CHF 1 Mio. beziehungsweise 50 Prozent reduzieren. Das Währungsrisiko ist damit für dieses Unternehmen wesentlich.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie gross ist unser Fremdwährungsvolumen?
Sondern: Welche finanzielle Wirkung kann daraus entstehen?
Die Berechnung soll nicht vorhersagen, wohin sich EUR/CHF bewegt. Ihr Zweck ist, sichtbar zu machen, welche Ergebniswirkung eine definierte Kursbewegung hätte.
Das Unternehmen kann beispielsweise Bewegungen von drei, fünf oder acht Rappen betrachten und prüfen, welche Konsequenzen daraus entstehen würden. Das relevante Stressszenario ist ebenfalls keine Prognose. Es dient als Entscheidungsgrundlage für die Frage, welche Ergebnisschwankung das Unternehmen tragen kann und will.
Die Analyse ist bewusst vereinfacht. Veränderungen bei Mengen, Verkaufspreisen oder beim Exposure selbst werden zunächst nicht berücksichtigt.
Ein Schweizer Handelsunternehmen weist folgende Ausgangslage auf:
Die Betrachtung des reinen EUR-Bedarfs von EUR 22 Mio. würde das tatsächliche Risiko überschätzen, weil die EUR-Zuflüsse nicht berücksichtigt wären. Nach Verrechnung ergibt sich ein Netto-Exposure von EUR 20 Mio.
Eine Aufwertung des Euro um fünf Rappen würde die Einkaufskosten vereinfacht um CHF 1 Mio. erhöhen. Gemessen am budgetierten EBIT von CHF 2 Mio. entspricht dies einer Ergebnisbelastung von 50 Prozent.
Damit liegt eine wesentlich aussagekräftigere Entscheidungsgrundlage vor als die ursprüngliche Aussage: «Wir benötigen EUR 22 Mio. pro Jahr.»
Exposure und Sensitivität beantworten zwei zentrale Fragen:
Damit ist jedoch noch nicht entschieden, ob und wie viel abgesichert werden soll.
Im nächsten Schritt muss das Unternehmen festlegen, welche Ergebnisabweichung es wirtschaftlich tragen kann und bewusst akzeptieren will. Erst daraus lassen sich Risikobudget und Hedge Ratio ableiten.
Der vollständige Entscheidungsprozess ist im Leitfaden zu Währungsrisiken für Schweizer KMU zusammengefasst.